Blockchain in Deutschland: welche Firmen nutzen sie?
Wer in Deutschland nach Blockchain-Anwendungen sucht, findet vor allem zwei Dinge: viele Pilotprojekte, die nach der Pressemitteilung wieder verschwinden — und eine kleine Zahl echter Anwendungen, die rechtlich bindend oder produktiv im Einsatz sind. Dieser Beitrag trennt beides. Sie bekommen Namen, konkrete Projekte und den Grund, warum ausgerechnet der Finanzsektor vorangeht.
Warum Deutschland ein Sonderfall ist: das eWpG
Der wichtigste Treiber ist kein Unternehmen, sondern ein Gesetz. Seit Juni 2021 gilt das Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG). Es erlaubt, Anleihen und Fondsanteile rein digital zu begeben — ohne die klassische papierbasierte Globalurkunde und ohne zwingende Zwischenhändler. Das Gesetz kennt zwei Wege: das zentrale elektronische Wertpapierregister und das Kryptowertpapierregister, das auf einer Distributed-Ledger- bzw. Blockchain-Infrastruktur geführt wird.
Damit hat Deutschland etwas geschaffen, das den meisten „Blockchain macht alles besser“-Ankündigungen fehlt: einen rechtlichen Rahmen, in dem ein Token tatsächlich ein Wertpapier ist und nicht nur abbildet. Genau deshalb kommen die überzeugendsten Beispiele aus dem Finanzbereich.
Finanzsektor: hier ist die Nutzung am konkretesten
Siemens: Anleihen direkt auf der Blockchain
Siemens ist das Vorzeigebeispiel. Im Februar 2023 begab der Konzern eine digitale Anleihe über 60 Millionen Euro mit einjähriger Laufzeit direkt auf der öffentlichen Blockchain Polygon — nach eWpG als Kryptowertpapier. Der Effekt ist handfest: keine Globalurkunde, kein zentrales Clearing, und die Anleihe konnte ohne Bank als Mittler direkt an Investoren verkauft werden. Die Abwicklung dauerte statt mehrerer Tage rund zwei Tage.
Im September 2024 legte Siemens nach: eine zweite digitale Anleihe über 300 Millionen Euro, wieder mit einjähriger Laufzeit — nach Angaben von Finanzmedien die größte eWpG-Anleihe, die bis dahin begeben wurde. Diesmal lief die Abwicklung nicht über Polygon, sondern über die private, zugangsbeschränkte DLT-Plattform SWIAT (u. a. DekaBank, DZ Bank, LBBW) zusammen mit der Trigger-Solution der Bundesbank: Zahlung und Wertpapierlieferung liefen erstmals vollautomatisiert und in Zentralbankgeld zusammen, die Abwicklung dauerte wenige Minuten statt der zwei Tage der ersten Anleihe. Das ist der eigentliche Punkt hinter dem Buzzword — nicht „Krypto“, sondern das Zusammenfallen von Handel und Abwicklung (Settlement), das im klassischen System Tage kostet.
Commerzbank: erste Vollbank mit Krypto-Lizenz
Die Commerzbank erhielt im November 2023 von der BaFin die Kryptoverwahrlizenz (nach § 1 Abs. 1a Satz 1 Nr. 6 KWG) — als erste deutsche Universalbank. Damit darf sie Kryptowerte für Kunden verwahren, zunächst mit Fokus auf institutionelle Kunden. 2024 folgte eine Kooperation mit Crypto Finance, einer Tochter der Deutschen Börse: Die Commerzbank übernimmt die Verwahrung, Crypto Finance den Handel mit Bitcoin und Ether. Zielgruppe sind Firmenkunden ab einem Anlagevolumen von rund 500.000 Euro.
Deutsche Bank und Deutsche Börse
Die Deutsche Bank treibt die Tokenisierung von Fonds und Vermögenswerten voran: Seit Mai 2024 ist sie Teil von Project Guardian (koordiniert von der Monetary Authority of Singapore, seit November 2024 auch mit Bundesbank-Beteiligung), hat in den Cross-Border-Payment-Anbieter Partior investiert und beteiligt sich an Project Agorá zu tokenisierten Großbetragszahlungen zwischen Zentralbanken. 2025 prüfte sie öffentlich einen eigenen Stablecoin oder tokenisierte Einlagen.
Die Deutsche Börse hat mit der Übernahme der Mehrheit an Crypto Finance früh Infrastruktur für digitale Assets aufgebaut und betreibt mit D7 eine eigene Digitalplattform für Wertpapiere: Während das Massengeschäft weiter über das zentrale Clearstream-System mit T+2-Settlement läuft, ermöglicht D7 taggleiche Emission und T+0-Abwicklung — Kauf und Lieferung fallen technisch zusammen.
Auch Förderbanken sind dabei: Die KfW begab im Juli 2024 ihre erste Blockchain-Anleihe nach eWpG (100 Millionen Euro, Laufzeit bis Dezember 2025, Kupon 3,125 %). Im August 2024 folgte eine zweite, kleinere Anleihe (50 Millionen Euro, drei Monate Laufzeit), bei der zusätzlich die Trigger-Solution der Bundesbank getestet wurde — automatisiert und in Zentralbankgeld.
Industrie und Lieferkette
BMW: PartChain
Die BMW Group verfolgt mit PartChain die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Bauteilen und Rohstoffen. Ein Pilot startete 2019 an den Werken Spartanburg (USA) und Dingolfing gemeinsam mit dem Zulieferer Automotive Lighting; ab 2020 wurde er auf weitere Lieferanten ausgeweitet. Technisch kombiniert PartChain Cloud-Dienste (AWS, Azure) mit einer Blockchain-Schicht, damit die Herkunft von Komponenten manipulationssicher zwischen allen Partnern nachvollziehbar bleibt — langfristig „from mine to smelter“, also von der Mine bis zur Schmelze. BMW ist außerdem Mitgründer der branchenübergreifenden Mobility Open Blockchain Initiative (MOBI).
Der eigentliche Nutzen liegt hier nicht im Token, sondern in der geteilten, gemeinsamen Datenbasis: Mehrere Firmen sehen denselben, unveränderlichen Datensatz, ohne dass ein einzelner Partner die zentrale Datenbank kontrolliert.
SAP
SAP ist der interessanteste Rückzieher der Liste. Mit SAP Green Token verfolgte der Konzern jahrelang die Blockchain-gestützte Rückverfolgbarkeit von Lieferketten für nachhaltige Rohstoffe. 2024 kündigte SAP an, die Blockchain-Komponente auf SAP HANA zu migrieren — Begründung: Kunden brauchten in der Praxis vor allem eine Abrechnung innerhalb der eigenen Organisation und ihrer direkten Zulieferer, kein gemeinsames Ledger mehrerer Firmen. Gartner hatte bereits 2019 vorhergesagt, dass rund 90 % blockchain-basierter Supply-Chain-Pilotprojekte an genau diesem Punkt scheitern würden. Ein Blockchain-as-a-Service-Angebot bietet SAP zwar weiterhin an, der Schwerpunkt liegt aber klar auf Integration statt auf einer separaten Blockchain-Cloud.
Telekommunikation und Infrastruktur
Ein oft übersehener, aber sehr realer Fall: Deutsche Telekom MMS (früher T-Systems MMS) betreibt seit 2020 produktive Validator- und Node-Infrastruktur für öffentliche Blockchains. Dazu zählen ein Chainlink-Node, eine Validator-Rolle bei Polygon (2023) sowie Staking-/Validator-Dienste für Ethereum, Celo, Flow und weitere Netze. Die Telekom sieht das ausdrücklich als moderne Verlängerung ihres klassischen Infrastrukturgeschäfts: Sie stellt Rechen- und Absicherungsleistung bereit, so wie sie sonst Rechenzentren und Netze betreibt. Das ist keine PR-Demo, sondern laufender Betrieb mit echtem wirtschaftlichem Modell (Staking-Erträge, Betriebsentgelte).
Versicherungen: ein ehrlicher Realitäts-Check
Nicht jedes prominente Projekt überlebt. Die Initiative B3i (Blockchain Insurance Industry Initiative) wurde 2016 unter anderem von Allianz, Munich Re, Swiss Re, Zurich und Aegon gegründet, um Rück- und Erstversicherung über Distributed Ledger abzuwickeln. Trotz erster funktionierender Verträge auf der Plattform meldete B3i im Juli 2022 Insolvenz an — es fehlte schlicht das Transaktionsvolumen, das den Betrieb gerechtfertigt hätte.
Die Lektion ist wichtiger als jede Erfolgsmeldung: Eine gemeinsame Blockchain funktioniert nur, wenn genügend Teilnehmer gleichzeitig ihre Prozesse umstellen. Für einen einzelnen Vorreiter bleibt sie oft ein teures Nebengleis. Deutsche Versicherer experimentieren weiter, meist in kleineren, klar abgegrenzten Anwendungen statt in großen Branchenplattformen.
Wie Sie „echte Nutzung“ von PR unterscheiden
Drei Fragen helfen bei der Einordnung jeder Blockchain-Ankündigung:
- Ist es produktiv oder ein Pilot? Läuft es rechtlich bindend (z. B. eine begebene Anleihe) oder nur im Testbetrieb?
- Braucht der Fall wirklich eine Blockchain? Wenn eine Partei die Daten ohnehin allein kontrolliert, reicht meist eine Datenbank. Der Mehrwert entsteht dort, wo sich mehrere Parteien nicht vertrauen müssen.
- Wer trägt die Kosten dauerhaft? Nachhaltige Projekte tragen sich wirtschaftlich selbst; ein reines Innovationsbudget läuft irgendwann aus — genau daran scheiterte B3i.
Blockchain trägt in Deutschland übrigens nicht nur Anleihen und Lieferketten, sondern auch digitale Kunst — wie das Beispiel von Beeple und den „Regular Animals“ zeigt.
FAQ
Nutzen deutsche Unternehmen echte Kryptowährungen oder eigene Blockchains? Beides — oft sogar beim selben Unternehmen. Siemens nutzte 2023 mit Polygon eine öffentliche Blockchain für seine erste Anleihe, 2024 dann mit SWIAT eine private, zugangsbeschränkte Plattform für die zweite. Industrieprojekte wie PartChain setzen ebenfalls auf permissioned Ledger, bei denen nur ausgewählte Partner teilnehmen. „Blockchain nutzen“ heißt also nicht automatisch „Bitcoin kaufen“.
Ist es legal, in Deutschland eine Anleihe auf einer öffentlichen Blockchain zu begeben? Ja. Seit dem eWpG (2021) sind Kryptowertpapiere ausdrücklich vorgesehen und werden von der BaFin beaufsichtigt. Genau darauf stützen sich die Emissionen von Siemens und der KfW.
Wie passt Blockchain mit der DSGVO zusammen? Schwierig, wenn personenbezogene Daten direkt auf eine unveränderliche Kette geschrieben werden — das kollidiert mit dem Recht auf Löschung. In der Praxis speichert man deshalb nur Hashes oder Referenzen auf der Blockchain und die eigentlichen Daten außerhalb. Wer Software mit personenbezogenen Daten auswählt, sollte diesen Punkt prüfen; unser Überblick zu DSGVO-konformen Apps liefert dafür die Grundlagen.