Beeples „Regular Animals“: KI-Kunst und NFTs, Art Basel
Ein Roboterhund mit dem Gesicht von Elon Musk läuft durch eine Plexiglasvitrine, fotografiert das Publikum und wirft aus seinem Hinterteil ein KI-verfremdetes Bild aus – verpackt in einem Beutel mit der Aufschrift „Excrement Sample“. So sah die meistdiskutierte Arbeit der Art Basel Miami Beach 2025 aus. Nach diesem Text wissen Sie, aus welchen Bauteilen die Hunde bestehen, wie aus einem Kamerabild in Sekunden ein personalisierter Ausdruck wird, was der beigelegte QR-Code technisch auslöst, warum Beeple das NFT diesmal zur Nebensache macht – und warum die Installation im Frühjahr 2026 auch in Berlin zu sehen war.
Was „Regular Animals“ ist
Hinter Beeple steht Mike Winkelmann, ein US-amerikanischer Digitalkünstler, der 2021 international bekannt wurde. „Regular Animals“ (2025) ist eine Installation aus mehreren vierbeinigen Robotern, die jeweils einen hyperrealistischen Menschenkopf tragen. Nachgebildet sind sechs Personen: die Tech-Manager Elon Musk (Tesla), Jeff Bezos (Amazon) und Mark Zuckerberg (Meta) sowie die Künstler Pablo Picasso und Andy Warhol – und Winkelmann selbst.
Gezeigt wurde die Arbeit Anfang Dezember 2025 in „Zero10“, dem neuen Bereich der Messe für digitale Kunst. Die Roboter bewegten sich in einer abgeschlossenen Plexiglasvitrine, damit das Publikum nicht in ihre Bahn geriet. Die Messe lief noch bis Sonntag, den 7. Dezember 2025 – verkauft waren die Skulpturen da aber längst.
Wie die Roboterhunde technisch funktionieren
Die Installation kombiniert zwei sehr unterschiedliche Bauteile. Die laufenden Roboter stammen vom chinesischen Hersteller Unitree, der solche vierbeinigen Plattformen als Serienprodukt anbietet. Die täuschend echten Köpfe kommen von Hyperflesh, der Werkstatt des Maskenbauers Landon Meier, der für seine hyperrealistischen Silikonmasken bekannt ist.
Jeder Hund trägt eine Kamera, die das Publikum aufnimmt. Ein interner Rechner verfremdet das Bild per KI im Stil der jeweiligen Figur, ein kleiner Thermodrucker wirft das Ergebnis anschließend als Ausdruck im Format 10 × 15 cm (vier mal sechs Zoll) aus – demonstrativ aus dem Hinterteil des Roboters.
Technisch ist das ein Image-to-Image-Ablauf: Das Kamerafoto dient als Vorlage, ein generatives Modell rechnet es anhand eines fest hinterlegten Stil-Prompts in die jeweilige Ästhetik um. Weil der Stil pro Roboter fixiert ist und nur das Eingangsbild wechselt, liefert jede Figur zuverlässig ihren eigenen Look. Die KI-Verfremdung ist also kein Zufall, sondern auf die dargestellte Person abgestimmt:
- Musk: strenge Schwarz-Weiß-Strichzeichnung mit beschrifteten Bauteilen und Diagrammen, wie eine Patentschrift, die das Publikum „erklärt“.
- Zuckerberg: tiefblaue „Metaverse“-Ästhetik mit Hologrammfiguren und Rasterböden.
- Picasso: kantige, kubistische Gesichter in kräftigen Farben.
- Warhol: Rasterpunkte und ein Look wie aus dem klassischen Siebdruck.
- Beeple selbst: ein düster-futuristischer Look, den Winkelmann als eine Art dystopischen Zukunftsentwurf anlegte.
- Bezos: Der Roboter lief mit, sein spezifischer Bildstil wurde in der Berichterstattung aber kaum einzeln beschrieben.
Diese Zuordnung ist der eigentliche Witz der Technik: Dieselbe Kamera-Aufnahme wird je nach „Persönlichkeit“ des Roboters völlig anders interpretiert. Wie stark generative KI heute Stil und Bildinhalt trennen kann, zeigt sich hier praktisch – und wer sich für die Rolle solcher Modelle jenseits der Kunst interessiert, findet in unserem Beitrag zu Künstlicher Intelligenz in der Datenanalyse weiteren Kontext.
Die NFT-Mechanik: QR-Codes und „Excrement Sample“
Die Ausdrucke landen in kleinen Beuteln mit der Aufschrift „Excrement Sample“ (Kotprobe) – ein bewusst derber Kommentar zur Bilderflut aus KI-Systemen. Von diesen Ausdrucken enthalten 256 Stück einen QR-Code, über den der Empfänger ein kostenloses NFT (Non-Fungible Token) freischalten kann. Ein NFT ist ein Eigentumsnachweis auf einer Blockchain; hier dient er als digitales Gegenstück zum physischen Ausdruck.
Interessant ist die Umkehrung gegenüber Beeples früherem Werk: Damals war das NFT das Hauptwerk, heute ist es die Zugabe zu einem physischen Objekt und einer Roboter-Skulptur. Wer wissen möchte, wo Blockchain-Technik über Kunst hinaus praktisch eingesetzt wird, findet in unserem Überblick zu Blockchain-Anwendungen deutscher Unternehmen Beispiele.
Preise, Auflage und Verkauf
Jeder Roboterhund kostete 100.000 US-Dollar und erschien in einer Auflage von zwei Exemplaren plus einem Künstlerabzug (Artist’s Proof). Der Bezos-Roboter stand nicht zum Verkauf. Alle verkäuflichen Arbeiten waren bereits während der VIP-Preview am ersten Messemittwoch vergeben.
Für Schlagzeilen sorgte, dass ausgerechnet Beeples Selbstporträt-Hund als Erstes verkauft wurde – was den Künstler selbst überraschte. Sich neben Musk, Bezos und Picasso zu stellen, nannte Winkelmann gegenüber dem Wall Street Journal „ballsy“, also gewagt.
Zweite Station: Neue Nationalgalerie Berlin
Nach Miami ging die Tour weiter: Vom 29. April bis 10. Mai 2026 stand „Regular Animals“ im unteren Foyer der Neuen Nationalgalerie Berlin, im Rahmen des Gallery Weekend Berlin und bei freiem Eintritt – Beeples erste institutionelle Präsentation in Deutschland.
Für Berlin kam ein siebter Roboter hinzu: einer mit dem Kopf des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un. Das Museum zeigte die Arbeit bewusst neben einem historischen Gegenstück, Nam June Paiks „Andy Warhol Robot“ (1994) – ebenfalls ein Roboter mit Warhol-Bezug, nur drei Jahrzehnte älter und ohne KI. Der Vergleich macht sichtbar, wie sich die Frage „Wer bildet wen ab, mit welcher Technik?“ seither verschoben hat: vom mechanischen Nachbau zur KI, die in Echtzeit neue Bilder erzeugt.
Warum die Arbeit mehr ist als ein Gag
Hinter dem Fäkalhumor steckt eine gezielte Satire auf die Tech-Elite und auf die Selbstverständlichkeit, mit der KI heute Bilder „ausscheidet“. Jeder Roboter produziert genau die Weltsicht seiner Vorlage: Musk sieht das Publikum als technische Zeichnung, Zuckerberg als Metaverse-Kulisse. Die Botschaft: Wer die Werkzeuge kontrolliert, prägt, wie wir die Welt sehen.
Der Kontext erklärt auch die Aufmerksamkeit. Beeple wurde 2021 schlagartig bekannt, als seine Bildcollage „Everydays: The First 5000 Days“ bei Christie’s für rund 69 Millionen US-Dollar versteigert wurde – bis dahin einer der höchsten Preise für ein rein digitales Werk und ein Schub für den gesamten NFT-Markt. Dieser Markt ist seither deutlich abgekühlt. „Regular Animals“ lässt sich als Antwort darauf lesen: weg vom reinen Spekulationsobjekt, hin zu physischer Skulptur, Performance und einem NFT als Beiwerk.
Ganz einhellig fällt das Urteil der Kunstkritik allerdings nicht aus: Die Hyperallergic-Redakteurin Valentina Di Liscia hielt der Arbeit öffentlich entgegen, sie dokumentiere vor allem, wie Krypto-Vermögen sich Kunstlegitimität kaufe, statt echte Gesellschaftskritik zu leisten. Ob Satire oder gut inszenierte Eigenwerbung für den nächsten NFT-Drop – in beiden Lesarten zeigt „Regular Animals“ dieselbe technische Pointe: Ein KI-Bildmodell trennt Stil vollständig vom Motiv, sobald der Prompt feststeht.
FAQ
Kann man die gedruckten Bilder oder die NFTs noch bekommen? Die verkäuflichen Roboter-Skulpturen waren nach der Miami-VIP-Preview vergriffen. Die Ausdrucke selbst wurden vor Ort kostenlos verteilt; nur 256 davon enthielten einen QR-Code für ein kostenloses NFT. Einen offenen Nachverkauf der NFTs hat Beeple Studios nicht angekündigt. Bei der Berliner Station im Frühjahr 2026 gab es erneut kostenlose Ausdrucke für Besucher; ob die Installation danach an weiteren Orten gezeigt wird, ist bislang nicht bekannt.
Wer hat die Roboter und die Köpfe gebaut? Die vierbeinigen Roboter stammen von Unitree, einem chinesischen Robotikhersteller. Die hyperrealistischen Silikonköpfe kommen von Hyperflesh, der Werkstatt des Maskenbauers Landon Meier. Beeple lieferte Konzept, KI-Bildstile und Inszenierung.
Ist das noch NFT-Kunst oder eher eine Roboter-Performance? Beides. Das physische Objekt (Roboter plus Skulptur) und die Live-Performance in der Vitrine stehen im Vordergrund; das NFT ist nur noch die digitale Zugabe. Genau diese Verschiebung gilt als Kernaussage der Arbeit.