ICE überwacht Schwangere per Smartwatch: die VeriWatch
Die US-Einwanderungsbehörde ICE lässt viele Migrantinnen nicht in Haft, sondern zu Hause auf ihren Gerichtstermin warten – dauerhaft per GPS überwacht. Schwangeren wird dafür seit 2025 verstärkt eine Smartwatch namens VeriWatch zugewiesen. Das Gerät lässt sich nicht selbst abnehmen. Genau das wird zum Problem, sobald eine Frau ins Krankenhaus muss – teils bis in den Operationssaal, wo Klinikpersonal keine Zeit hat, auf eine behördliche Freigabe zu warten.
Was die VeriWatch ist – und wer sie betreibt
Die VeriWatch ist kein Fitness-Tracker, sondern ein am Handgelenk getragenes GPS-Überwachungsgerät. Hergestellt wird sie von BI Incorporated aus Boulder, Colorado – einer Tochter des privaten Gefängnis- und Überwachungskonzerns GEO Group. BI hält seit 2004 den Vertrag mit dem Heimatschutzministerium (DHS) für das ICE-Programm „Alternatives to Detention“ (ATD, Alternativen zur Inhaftierung). Wer im ATD-Programm ist, wartet auf freiem Fuß auf sein Verfahren, unterwirft sich aber einer engmaschigen Kontrolle.
Technisch protokolliert die Uhr laufend Standort und Bewegungsverlauf über Satellit. Anders als eine klassische Fußfessel bietet sie zusätzliche Funktionen: eine biometrische Authentifizierung per Gesichtsabgleich sowie Direktnachrichten und Push-Benachrichtigungen der Behörde an die überwachte Person. Sie wiegt nur wenige Dutzend Gramm und gilt als unauffälliger als ein Gerät am Knöchel.
BI setzt die Uhr im Rahmen einer nach Risiko gestaffelten Überwachung ein. Der weit überwiegende Teil der Betroffenen wird ohne festes Gerät überwacht – etwa telefonisch oder über die Smartphone-App SmartLINK. Nur ein kleiner Anteil trägt eine Fußfessel; die VeriWatch liegt dazwischen. Eingeführt wurde sie ab 2023 zunächst als begrenzter Test, ab Anfang 2025 wurde der Einsatz deutlich ausgeweitet.
Warum sich das Gerät nicht abnehmen lässt
Der entscheidende Unterschied zu einer gewöhnlichen Smartwatch: Die VeriWatch kann die tragende Person nicht selbst öffnen. Nach Recherchen der Zeitung The Guardian wählte ICE bewusst eine Variante, die sich nicht abstreifen lässt. Entfernen dürfen sie nur ICE-Beamte oder ausdrücklich autorisierte BI-Mitarbeiter – und selbst BI-Personal darf das nicht eigenmächtig entscheiden, sondern braucht die Freigabe von ICE.
Ein schnelles Notfall-Verschlusssystem, wie es etwa medizinische Armbänder haben, gibt es nicht. Wer die Uhr trägt, ist also darauf angewiesen, dass eine Behörde die Erlaubnis zur Abnahme erteilt – und dass diese Erlaubnis rechtzeitig kommt.
Wenn die Smartwatch in den Kreißsaal muss
Im medizinischen Alltag kollidiert diese Konstruktion mit den Regeln des Operationssaals. Vor vielen Eingriffen müssen Metallgegenstände abgelegt werden, weil sie bei der Elektrokauterisation (dem Veröden von Gewebe mit Strom) zu Verbrennungen führen können; auch für ein MRT sind metallhaltige Geräte am Körper ein Problem. Eine fest verschlossene Uhr aus Metall und Elektronik passt in dieses Schema nicht.
Klinikmitarbeiter eines Krankenhauses in Colorado dokumentierten drei schwangere Patientinnen mit VeriWatch. In einem Fall kam eine Frau im neunten Monat mit Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) für einen Notfall-Kaiserschnitt in die Notaufnahme. Eine Mitarbeiterin schilderte die Szene so: „She was in tears about it“ – sie sei in Tränen aufgelöst gewesen, getrieben von der Angst, ICE könnte ins Krankenhaus kommen und ihr das Baby wegnehmen.
Besonders heikel ist der Zeitfaktor. Für eine Freigabe durch ICE bleibt im Notfall oft keine Zeit. Eine Mitarbeiterin brachte es laut Guardian auf den Punkt: In akuten Fällen sei nicht immer Zeit, auf die Genehmigung von ICE zu warten, um die Geräte abzunehmen. Zugleich fehlten klare Abläufe: Das Personal wusste teils nicht, an wen es sich wenden musste, um eine Abnahme autorisieren zu lassen.
Die Regelungslücke: Ausnahme bei Fußfesseln, nicht bei der Uhr
Formal existiert für Schwangere sogar ein Schutz – nur greift er nicht dort, wo er müsste. Seit 2009 sind schwangere Frauen von der elektronischen Fußfessel ausgenommen. Statt der Fessel wird ihnen laut einem ICE-Memo vom Juni 2025 gezielt die Smartwatch zugewiesen. Die Ausnahme wurde also technisch umgangen, ohne das eigentliche Problem zu lösen: Für die Uhr gibt es keine vergleichbare Sonderregel und vor allem kein Protokoll für medizinische Notfälle.
Das Ergebnis ist eine Lücke zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite stehen medizinische Standards, die eine sofortige Entfernung verlangen können. Auf der anderen Seite stehen die Betriebsabläufe von ICE, die eine Abnahme nur nach behördlicher Freigabe vorsehen. Zwischen beiden gibt es keinen definierten, schnellen Weg.
Wie Angst die Versorgung verschlechtert
Die Folgen reichen über den Einzelfall hinaus. Wer fürchtet, dass ein Arztbesuch die Behörde auf den Plan ruft, schiebt notwendige Termine auf – oft so lange, bis aus einem beherrschbaren Verlauf ein Notfall wird. In der Schwangerschaft ist das besonders riskant: Vorsorgeuntersuchungen erkennen Komplikationen wie Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes früh, solange sie noch gut behandelbar sind.
Krankenhauspersonal in den USA berichtet, dass Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund seltener zur Routine- oder Notfallversorgung erscheinen. Hinzu kommt die psychische Belastung: Dauerüberwachung und die Sorge vor Trennung von Kind oder Familie erzeugen Stress, der sich seinerseits negativ auf den Schwangerschaftsverlauf auswirken kann. Das Gerät wirkt damit doppelt – als Sender von Standortdaten und als ständige Erinnerung an das Risiko, aufgegriffen zu werden. Wie alltäglich digitale Standort- und Verbindungsdaten ohnehin anfallen, zeigt schon die Frage, was der eigene Internetanbieter über das Surfverhalten sieht; bei der VeriWatch kommt hinzu, dass eine Behörde diese Daten gezielt und rund um die Uhr erhebt.
FAQ
Kann eine schwangere Frau die VeriWatch für eine Operation einfach abnehmen (lassen)? Nein. Die Trägerin kann das Gerät nicht selbst öffnen, und Klinikpersonal ist dazu nicht befugt. Nur ICE oder ausdrücklich autorisierte BI-Mitarbeiter dürfen es entfernen, wobei BI die Freigabe von ICE benötigt. Ein Notfallprotokoll für Situationen, in denen keine Zeit für diese Freigabe bleibt, ist bislang nicht bekannt.
Ist die VeriWatch dasselbe wie eine elektronische Fußfessel? Nein, auch wenn der Zweck ähnlich ist. Beide stammen von BI Incorporated und protokollieren den Standort per GPS. Die VeriWatch sitzt am Handgelenk, wirkt unauffälliger und bietet zusätzliche Funktionen wie Gesichtsabgleich und Nachrichten. Rechtlich ist sie aber nicht von der 2009 eingeführten Fußfessel-Ausnahme für Schwangere abgedeckt.
Betrifft dieses Programm auch Deutschland oder die EU? Nein. „Alternatives to Detention“ ist ein Programm der US-Behörde ICE. In Deutschland gibt es kein vergleichbares GPS-Überwachungsprogramm für Schwangere im Migrationsverfahren. Elektronische Aufenthaltsüberwachung existiert hierzulande nur in eng begrenzten Fällen des Strafrechts und unter anderen rechtlichen Voraussetzungen.
Die ausführlichen Recherchen zu den geschilderten Fällen stammen von The Guardian (Bericht vom 10. Dezember 2025).